Archiv für Oktober 2008

China, Tibet und deutsche Propaganda

Das Medienspektakel rund um den Aufstand der tibetischen Mönche im März diesen Jahres, die Lobhuldigungen seiner Heiligkeit des Dalai Lama und die heißen Diskussionen um einen Boykott der olympischen Spiele 2008 in Peking im Zusammenhang mit angeblichen Menschenrechtsverletzungen in China werden an kaum jemandem vorbei gegangen sein. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass nicht alles stimmt, was uns in den Medien erzählt und gezeigt wird. Dennoch werden Medienberichte meistens zu wenig hinterfragt und zu schnell hat man sich im Netz der Meinungsmache und Vernebelung verstrickt.

China-Tibet

Um diesen Nebel zu lichten und klarzustellen, wie die Verhältnisse zwischen China und Tibet wirklich sind, lud die Assoziation Marxistischer Studierender (AMS), eine Hochschulgruppe der Friedrich-Schiller-Universität Jena, am 30.06.2008 Studierende und Interessierte zu Vortrag und Diskussion über „China, Tibet & deutsche Propaganda“ ein, unterstützt durch die örtliche SDAJ. Bei den Referenten handelte es sich um Vertreter des Online-Autorenkollektivs secarts.org. Iwan, gelernter Bänker, der später Anglistik und Slawistik studierte und sich mit Medienanalyse befasst, sprach zu Beginn über die Medienlandschaft Deutschlands. Er stellte klar, dass es immer vom Willen des Informierenden abhängt, womit und in welcher Form er informiert. Dies schuf die Grundlage für den zweiten, umfangreicheren Teil des Vortrages, in dem Secarts, Student der Geschichte und Philosophie, referierte. Secarts, der schon mehrfach China und auch die Region Tibet bereiste, stellte klar, dass Tibet schon seit dem 18. Jahrhundert u.Z. dauerhaft ein Teil Chinas war und es keine Berechtigung für ausländische Staaten gibt, die Unabhängikeit Tibets zu fordern. Die Zuhörer folgten gespannt und überraschend ruhig, wobei es bei einem solch kontroversen Thema Provokateure und Polemiker zu erwarten gab. Dass der Vortrag und die Diskussion vernünftig verlief, ist wohl den fundierten Kenntnissen und der klaren Vortragsweise der Referenten zu verdanken. Viele Zuhörer waren wohl mit der Erwartung gekommen, es würde ihnen eine populistische Verschwörungstheorie aufgetischt, die sie leicht mit ihren Argumenten, die mehrheitlich aus den bürgerlichen Medien stammen dürften, widerlegen könnten. Umso mehr waren viele Zuhörer von den klaren Argumentationssträngen und Beweislagen überrascht und viele Fragen klärten sich nach einigen wenigen Antworten von selbst. Der Inhalt des Vortrages und der Diskussion lässt sich wie folgt zusammenfassen.
Die Medien in Deutschland geben sich sehr pluralistisch und unabhängig, was jedoch im Widerspruch zu dem Fakt steht, dass sich alle öffentlichkeitswirksamen deutschen Medien in privater Hand befinden und als Gewerbe Profitmaximierung anstreben. Das bedeutet, dass sich die Weitergabe von Informationen, die ja primäre Tätigkeit der Medien ist, dem Zwang der Profitmaximieren unterordnen muss, wenn das Medienunternehmen in der Marktwirtschaft Bestand haben will. Das größte dieser Unternehmen ist der Bertelsmannkonzern, dessen Teilhaber ausschließlich deutsche Wirtschaftskonzerne sind. Im Beirat der Bertelsmannstiftung sitzen Vertreter von Nestle, Aventis, Telekom, E-on und vielen mehr. Somit ist die viel gepriesene Pressefreiheit in unserer „schönen BRD-Demokratie“ nichts weiter als eine substanzlose Farce. Welche Informationen und wie sie weitergegeben wird, hängt folgerichtig ganz wesentlich von den Interessen der teilhabenden Konzerne ab. Die Informationen können nach Willen dieser je nachdem entweder vorenthalten, verschleiert, verfälscht oder aufgebauscht werden. Die Berichterstattung bürgerlicher Medien kann demnach berechtigterweise nicht nur auf Meinungsmache, sondern konkret auf Wirtschaftsinteressen herunter gebrochen werden. Da die deutsche Medienlandschaft ausschließlich von deutschen Monopolen beherrscht wird, muss die Berichterstattung über China und Tibet logischerweise deutschen Wirtschaftsinteressen dienen. Das war schon zu Zeiten des Hitler-Faschismus so, als exotische Filme über Expeditionen nach Tibet dem deutschen Volk Mut und Durchhaltevermögen während des Krieges geben sollten. Tatsächlich waren bei diesen Expeditionen neben Schädelvermessern, die die Spuren eines „arisches Brudervolkes“ verfolgen sollten, auch Landvermesser, Geologen und Militäreinheiten dabei. Diese sollten das Land nach Ausbeutungsmöglichkeiten und einem guten Sitzplatz für die Deutschen im Herzen Asiens auskundschaften. Heutzutage bedient man sich anderer Mittel, um Einfluss auf China auszuüben. Der Dalai Lama als Gegenspieler Chinas eignet sich hierfür besonders gut. Der Separatist steht für die Autonomisierung Tibets und der Tibeter, die die zehntgrößte der 56 ethnischen Minderheiten auf chinesischem Boden sind. Mit ihm als Verbündeten kann man als kapitalistische Großmacht wie Deutschland beträchtlichen Druck auf China ausüben. Zum Beispiel, wenn man die olympischen Spiele boykottieren würde. Als Gründe für diesen aktuell diskutierten Schritt werden Menschenrechtsverletzungen in China, vor allem in Bezug zu Tibet genannt. Ein hehres Aufflammen antichinesischer Hetze konnte man seit dem 11. März 2008 beobachten, als in Lhasa, der Hauptstadt der Autonomen Region Tibet, ein bewaffneter Mob buddhistischer Mönche durch die Innenstadt zog; Geschäfte, Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und eine Moschee in Brand steckte. Rund zwei Dutzend Menschen, überwiegend Han-Chinesen, wurden dabei getötet. Die chinesische Volksbefreiungsarmee war zu diesem Zeitpunkt nur mit Gummiknüppeln bewaffnet und ging bei weitem nicht so brutal vor, wie es uns die Medien hierzulande glauben machen wollten. Dem aufmerksamen Beobachter entging dabei nicht, dass es sich bei den Fotos und Videos entweder um veraltetes Archivmaterial aus anderen Umständen, oder gänzlich zusammenhangslose Dokumente handelte. Bilder angeblich chinesischer Soldaten, die auf tibetische Mönche einschlugen, zeigten gut erkennbar Soldaten aus Indien oder nepalesische Uniformen. Eine ganze Reihe von solchem Material wurde unter falschen Gesichtspunkten veröffentlicht; ein Beispiel von bewusster Informationsfälschung. Am 11. März, dem Jahrestag der Flucht des Dalai Lama ins indische Exil, rief er dazu auf, an seine Flucht zu erinnern, gegen die chinesische „Fremdherrschaft“ und für die Lostrennung Tibets von China zu protestieren. Fakt ist, dass die Region Tibet schon seit dem 18. Jahrhundert u.Z. durchgängig zu China gehört. In Tibet herrschte bis ins vorige Jahrhundert hinein eine Feudalmonarchie, in der Mönchstheokraten, allen voran die Gelbmützen-Sekte mit dem Dalai Lama als Oberhaupt, die herrschende Klasse stellte. Arbeiter und Bauern hatten sehr wenige Rechte, Sklaven und Frauen gar keine. Folterungen und Erniedrigungen waren gang und gäbe. Wie US-amerikanische Journalisten in den 30er Jahren aus Reiseberichten wiedergaben, zählte das Abtrennen von Gliedmaßen zu einer gängigen Form der Bestrafung bei kleinen Vergehen oder schon bei Verdächtigungen. 1950/51 wurden diese mittelalterlichen Zustände durch den Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee beendet. Ein 17-Punkte-Abkommen zur schrittweisen Verbesserung der Lebensumstände in Tibet wurde aufgesetzt. Viele demokratische Reformen wie die Landreform wurden durchgesetzt; fortschrittliche Produktionsmethoden erleichterten den Alltag; Schulen und medizinische Einrichtungen wurden erstmals errichtet. Dabei blieben dem Klerus die Klöster, die Landgüter des Adels unangetastet. Der jetzige Dalai Lama leistete in der Provinzregierung der neuen autonomen Region Tibet dabei sogar gute Zusammenarbeit mit der Zentralregierung Chinas, bis er nach Aufständen reaktionärer Kräfte, die ihm zu der Behauptung veranlassten, dass Chinesen ihn kidnappen wollten, 1959 nach Indien floh. Der Aufbau Tibets wurde seitdem vorangetrieben. Entgegen der vorherrschenden Behauptung ist Tibet eine autonome Region Chinas, in der 90% der Bevölkerung immer noch Tibeter sind. Daher sind Forderungen nach Autonomie und der Hinweis auf Überfremdung unzulässig. In seinem „5-Punkte-Friedensplan“ (nachzulesen auf seiner Webseite) fordert der Dalai Lama unter anderem eine Ausweisung aller Nicht-Tibeter aus Tibet, also mit anderen Worten: ethnische Säuberung. Außerdem fordert er eine Abspaltung von allen Teilen Chinas, in denen Tibeter leben; dabei handelt es sich um ein Viertel der gesamten Landesfläche Chinas.
Wer sich diese und weitere Fakten, die Secarts in 4 Jahren intensiver Recherche erarbeitet hat, noch einmal genauer zu Gemüte führen will, sei auf www.secarts.org verwiesen. Außerdem erscheint ein ausführlicher Artikel über dieses Thema im nächsten Themenheft der Kommunistischen Arbeiterzeitung (KAZ; www.kaz-online.de).

AMS Jena

Wettbewerbssieg: Abwicklung von kritischen Wissenschaftlern in Jena

Der Sieg im Wettbewerb „Stadt der Wissenschaft 2008“ und das 450 jährige Jubiläum der Universität gibt vielen Vertretern von Stadt und Uni Grund zum Jubel. Zurecht?
Die AMS (Assoziation Marxistischer Studierender) in Jena beteiligte sich an dieser Aufarbeitung mit einem Vortrag zur Abwicklung von DDR-Wissenschaftlern im Verlauf der „Wende“. Am 22. April sprach Prof. Weißbecker über seine Tätigkeiten an der Uni und seine persönlichen Eindrücke 1990 ff.

Weiße Weste

Neben der feierlichen Würdigung dürfen die dunklen Kapitel der Uni-Geschichte nicht unbeachtet bleiben.
Die Abwicklung verdienter und angesehener Wissenschaftler in den Jahren 1990f. zählt zu den unrühmlichen Höhepunkten der jüngeren Geschichte der Universität. Trotz qualitativ hochwertiger Forschung, die auch außerhalb der Grenzen der Warschauer Vertrag Staaten Würdigung erhielt, musste nach dem Beitritt der DDR zur BRD ein Großteil der Wissenschaftler ihre Lehre aufgeben oder wurde einer fragwürdigen Gesinnungsprüfung unterzogen. Die Freiheit der Wissenschaft fiel dem politisch-ideologischen Kalkül zum Opfer.

Die anfängliche Auffassung, doch irgendwie weiter arbeiten zu können, wurde spätestens dann zunichte gemacht, als ganze Institute dem Erdboden gleichgemacht worden. Die Enttäuschung über die letzten DDRRegierungen und die Ratlosigkeit angesichts des Untergangs der DDR prägten die Stimmung.
Neue Arbeitsverträge in den Gesellschaftswissenschaften kaum länger als ein halbes Jahr sorgten schon bald für neue Stellenausschreibungen, die praktisch die Belegschaft ersetzten. Der Versuch sich mit Hilfe von Gerichtsverfahren zu wehren, endete meist mit Niederlagen oder Vergleichen.

Manfred Weißbecker (Jahrgang 1935) studierte Geschichte, Germanistik und Pädagogik und arbeitete nach Abschluss seines Studiums als Mitarbeiter am Historischen Institut in Jena. Es folgte die Berufung zum Professor für Geschichte an der Friedrich Schiller Universität. Ein Forschungsschwerpunkt war die Aufarbeitung der Geschichte der NSDAP. Nach der Wende wurde Weißbecker 1992 im Rahmen der Abwicklung der DDR-Forschungslandschaft in die Arbeitslosigkeit entlassen.

AMS/Marxistische Hochschulgruppe Jena




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